Stefan Laskowski

« Irre Kräfte »

Die Galerie 21 zeigte in ihrer Ausstellung vom 11.6 bis zum 23.7.2010 Arbeiten des Künstlers Stefan Laskowski.

Stefan Laskowski`s Arbeiten nutzen den „Bildungstrieb der Stoffe“. Diesen Begriff erfand der Chemiker F.F. Runge 1855 als Titel für sein Musterbuch mit „selbstständig gewachsenen“ Bildern. Er hatte mit verschiedenen, farbigen Flüssigkeiten experimentiert, die er auf saugende Untergründe tröpfelte und beobachtete, dass seinen verwendeten Materialen eine Tendenz innewohnt, selbstständig Strukturen und Formen anzunehmen, die solchen der belebten Natur ähneln.

„Nach allem glaube ich nun, dass bei der Gestaltung dieser Bilder eine neue, bisher unbekannt gewesene Kraft tätig ist (...) Sie wird nicht durch ein Äußeres erregt oder angefacht, sondern wohnt den Stoffen ursprünglich inne (...) Ich nenne diese Kraft „Bildungstrieb“ und betrachte sie als Vorbild der in den Pflanzen und Tieren tätigen Lebenskraft“ (F.F. Runge) Dies Phänomen wird heute weit weniger poetisch als „Selbstorganisation der Materie“ begriffen.

Stefan Laskowski beschäftigt sich mit diesem „Bildungstrieb der Stoffe“ in anderer Form und mit anderen Intentionen. Auf liegenden Bildträgern wie Gläsern, Folien oder Leinwänden setzt er eigendynamische Prozesse in Gang, an deren Ende er biomorphe Strukturen und Gebilde erhält. Diese erinnern an Zellen und Kleinstorganismen, oder ähneln unbekannten Zeichen und Schriften (wie z.B. denen der Rongo- Rongo- Schrift von den Osterinseln), als suche das Material nach einem Code, in dem es Botschaften über sich selbst verschlüsselt.

Dabei geht es ihm um den Gestaltfindungsprozeß bereits auf der Ebene des Materials, und um die Unkontrollierbarkeit der Formen im Detail. Die erhaltenen Gebilde, sprich: Bildelemente, sind eigentlich konkrete Gegenstände, flache Objekte aus verlaufener und geronnener Farbe. Abbildungen sind sie zunächst nur in dem Sinne, als sie auf diese Weise die Kräfte ihrer Entstehung „darstellen“.

Laskowski macht diese Farbgebilde nun zum Gegenstand seiner Malerei, im doppelten Wortsinne. Er lässt sie entweder als solche stehen, bearbeitet sie weiter, oder nimmt sie in einem weiteren Schritt als „Gegenstand“ im Sinne von Motiv für seine Gemälde, auf denen er sie in illusionistischer, „augentäuschender“ Malweise abbildet. Zum Teil auf denselben Bilduntergründen, auf denen er sie zuvor erzeugt hat. Diese Bilder enthalten dann Vorlage und Abbild zugleich, allerdings beides aus denselben Stoffen bestehend: Farben und Lacken. Dabei zeigen seine Bilder also erst einmal nichts, was reale Gegenstände außerhalb der Welt der Malerei repräsentiert. Für den Betrachter jedoch wechselt das Dargestellte unbestimmbar auf der Grenze zwischen Abstraktion und Figuration.

Diese Ausstellung zeigt aber auch neue Bilder, auf denen er die beschriebenen Eigengewächse seiner verwendeten Materialien nun auf solche Weise weiter bearbeitet hat, dass sie erkennbar anknüpfen an groteske Ziermalereien und Buchillustrationen aus der Renaissance, die mit ganz anderem Wissen und unterschiedlichen Absichten das Thema „Gestaltwandel“ und „in Ordnung gebrachte“ Natur veranschaulicht haben.

Das Bild „Frontispiz“ z.B. verwendet ein abstrakt- florales Ornament von Salomon Bernard in einer Ausgabe von Ovid`s Metamorphosen aus dem Jahre 1558 und verwandelt es in ein hybrides Gewimmel von Drachen und Dämonen, Köpfen und Leibern, Ranken und Schnörkeln. Hier ist nichts gewiss oder eindeutig, eins wird zum anderen, dieses zu jenem und könnte im nächsten Augenblick schon wieder das Gegenteil sein.