Borena Frasheri

« Splitter auf Doppelposten »

Die Galerie 21 zeigte in ihrer Ausstellung vom 19.9. bis zum 18.10.2009 Zeichnungen und Bilder der Künstlerin Borena Frasheri.

Eine gezeichnete Welt ist eine Welt aus Linien. Die Linien liegen locker nebeneinander oder verlieren sich wie losgelassene Fäden, oder kreuzen und verdichten sich. Die Striche bilden eine dichte Schraffur oder markieren Konturen. So entstehen Bilder diverser erkennbare Gegenstände der äußeren Welt, die in der Zeichnung gleichsam in einem anderen Aggregatzustand erscheinen.

Da beim Zeichnen die Dinge aus Linien aufgebaut werden, bietet sich bevorzugt die Wiedergabe von Gegenständen an, die aus Fäden, Stäben oder anderen schmalen Gliedern bestehen, die sich, wenn man von ihrer physischen Substanz absieht, wie in den Raum gezeichnete Linien ausnehmen. Netze, Gitter oder auch Jalousien, die eine relative Verdichtung bilden, aber immer noch teilweise durchlässig sind und Durchblicke zulassen, bilden gleichsam die Ausgangssubstanz der Welt, die Borena Frasheri zu Papier bringt. Wir blicken nicht in perspektivische Räume, sondern Filter und Membranen schieben sich durch ein Universum, dessen Dimensionen wir nicht kennen.

Es entfaltet sich eine reiche optische Metaphorik, die auch Borena Frasheris Buchveröffentlichung „Das trübe Mini-Spektiv“, die Zeichnungen und kurze Texte gegenüberstellt, schon im Titel prägt. Einer der Texte heißt „Der Durchsichtige“: „Ein Mann war durchsichtig. Nicht unsichtbar, sondern nur transparent. Trotzdem war er schwer zu durchschauen.“

Aber durchschauen die gezeichneten Figuren den Raum, in dem sie agieren? Sie scheinen nicht über ihn zu verfügen, sondern durch die Lineaturen eingeschlossen und wie in ein Spinnennetz eingewoben. Zwar werfen Personen und Dinge Schatten, aber diese werden zu selbständigen Flächenformen, denen durchaus zuzutrauen ist, zu neuen Gebilden zu werden, etwa zu einem Kristall mit vielen Ecken und Schnittflächen.

Man könnte an das „Flatland“ denken, das der Mathematiker Abbott Ende des 19. Jahrhunderts ersann und das nur aus zwei Dimensionen besteht. Und so genuin zeichnerisch Borena Frasheris flächenhaftes Universum auch erscheint, dürfte es auch durch die Erfahrungen der Künstlerin im Medium der Malerei geprägt sein. Hier legt sie mit dem Pinsel feine Lineaturen an, die zunächst den Eindruck erwecken, als wären sie in die farbige Grundierung eingeritzt.

L u d w i g  S e y f a r t h

Kurator und freier Autor. Er lebt in Berlin. Letztes Jahr hat er das Buch "Unsichtbare Sammlungen - Kunst nach der Postmoderne" geschrieben, das im Fundus Verlag erschienen ist.